(cb) Knapp 50 Frauen und einige wenige Männer waren der Einladung
des Cid-femmes und LiDiA zum Rundtischgespräch über Frauenpolitische
Themen im Wahlkampf 2009 nachgekommen und folgten der Diskussion
zwischen den folgenden Kandidatinnen:
Marie-Josée Bausch, ADR, Lydie Err, LSAP, Marie-Josée Jacobs, CSV,
Viviane Loschetter, Déi Gréng, Colette Mart, DP und Mélanie Noesen, Déi
Lénk. Irène Bigler von der KPL konnte krankheitsbedingt nicht
teilnehmen.
Der nachstehende Artikel orientiert sich am Diskussionsverlauf des
Abends und versucht, die Aussagen der Teilnehmerinnen möglichst genau
wiederzugeben.
„Wir brauchen ein Gesetz, das für alle Parteien gilt, wenn wir Parität wollen.“ Viviane Loschetter, Déi Gréng
Entsprechend dem Titel „Méi Fraen an d’Chamber – Wat hunn d’Parteien de
Fraen ze bidden?“ stand zunächst die Frage im Vordergrund, warum trotz
verschiedener Maßnahmen der Frauenanteil im Parlament und anderen
politischen Gremien weit von der Parität (50%) entfernt bleibt. Quoten
werden von DP und ADR abgelehnt, können sich in der LSAP nicht
durchsetzen oder lösen, wie die Kandidatin von Déi Lénk betont, noch
nicht das Problem, dass Frauen trotz Kompetenz und Sachkenntnis sich
weniger als Männer für eine Kandidatur interessieren. Auch die CSV mit
einer Quotierung von 33% bedauert, dass insbesondere Frauen zwischen 30
und 40 Jahren ein politisches Engagement zugunsten von beruflicher
Karriere und familiären Verpflichtungen ablehnen. Die Vertreterin von
Déi Greng (einzige Partei mit paritätischen Listen) verlangt ein
nationales Vorgehen, in dem z.B. ein Gesetz alle Parteien in die
Pflicht nimmt und/oder eine Reform des Wahlsystems (Abschwächung der
Direktwahl zugunsten einer Stärkung der Listenwahl). Aus dem Publikum
kam der pragmatische Vorschlag, dass alle Wählerinnen selbst den
weiblichen Kandidatinnen mehr Vertrauen entgegenbringen sollten.
„Ein autonomes Ministerium für Gleichstellung muss erhalten bleiben.“ Marie-Josée Jacobs, CSV
Frauen- und Gleichstellungspolitik spielen im Wahlkampf 2009 keine
herausragende Rolle, doch vertraten alle Kandidatinnen die Meinung,
dass Gleichstellungspolitik und Gendermainstreaming auch für die
nächste Legislatur relevant bleiben. Einzig die ADR schreibt in ihrem
Wahlprogramm abwertend vom „Übereifer“derjenigen, die
Gendermainstreaming anwenden und verspricht dem Elektorat, dass sie den
„so genannten ‚gender’-Aspekt ... kritisch hinterfragt“.
Die Vertreterin des ADR lehnt denn auch zu viel positive
Diskriminierung ab und vermutet, dass die Gleichstellungsprobleme wohl
auch durch die Existenz eines spezifischen
Chancengleichheitsministeriums herrühren anstatt dass sich alle
Ministerien verantwortlich fühlen. Für die CSV ist klar, dass der in
der vergangenen Legislatur eingesetzte Nationale Aktionsplan in der
nächsten Legislatur weiterhin Bestand hat und vorangetrieben werden
muss. In diesem Zusammenhang vertritt Noch-Ministerin Jacobs (CSV) auch
die Meinung, dass ein autonomes Ministerium erhalten bleiben muss, um
die Umsetzung der politischen Vorgaben zu gewährleisten. Nahezu Konsens
bestand zwischen den Parteien, dass der Name dieses Ministeriums die
Ergebnisorientiertheit seiner Politik wiedergeben müsste, also
Gleichstellung statt Chancengleichheit, und dass – wie das Beispiel
Spanien es deutlich macht – der politische Wille der Regierung
Ausschlag gebend ist. DP und LSAP setzen in der Gleichstellungsdebatte
auf die jungen Männer; sie könnten sich durch gelebte Gleichstellung
profilieren.
„Die freie Wahl zwischen Beruf und Familie existiert nicht.“ Mélanie Noesen, Déi Lénk
Frauen sind weiterhin auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt und eine
Diskussionsrunde griff deshalb das Thema Arbeit und Vereinbarkeit
zwischen Berufs- und Privatleben auf. Alle Parteien äußern sich in
ihren Programmen dazu, gewichten jedoch unterschiedlich. Mehr Vorgaben
für die Arbeitgeber im Privatsektor (ein obligatorischer
Gleichstellungsplan für alle Kollektivverträge) wird von der LSAP
angestrebt und auch von der CSV-Ministerin befürwortet. Die Teilnahme
von Frauen am Arbeitsmarkt ist für DP, LSAP und Déi Gréng nicht nur
eine persönliche Entscheidung, sondern auch eine gesellschaftliche
Notwendigkeit.
Déi Gréng verweisen darauf, dass Frauen aber nicht nur im
Niedriglohnsektor oder mit Teilzeitverträgen beschäftigt sein dürfen,
sondern dass ihnen alle Wirtschaftsbereiche auf allen
Verantwortungsebenen zugänglich sein müssen. Die Déi Lénk-Vertreterin
machte geltend, dass Frauen trotz allem stärker unter Druck stehen als
Männer und deshalb die viel beschworene „freie Wahl“ nicht existiere.
Ihre Partei setzt auf eine Umverteilung der Arbeit durch
Arbeitszeitverkürzungen mit Lohnausgleich und verspricht dadurch mehr
Zeitsouveränität und eine bessere Vereinbarkeit zwischen Berufs- und
Privatleben, welche Frauen und Männern gleichermaßen zu gute kommen.
Auch die DP setzt auf Maßnahmen, die Blockaden bei Frauen aufheben und
Männer stärker für Familien- und Erziehungsarbeit motivieren können,
gibt aber zu, dass ein Wahlprogramm attraktiv formuliert wird, um bei
der Wählerschaft anzukommen. Einzig die ADR findet, dass Erziehungs-
und Hausarbeit vom Staat so valorisiert werden muss, dass ein
Aussteigen aus dem Beruf keine finanziellen Nachteile z.B. bei der
Rente bringt.
„Die Frauen müssen selbst Verantwortung für ihre soziale Absicherung übernehmen.“ Viviane Loschetter, Déi Gréng
Die Rentenproblematik (niedrige Renten durch geringe Beiträge oder
unterbrochene/kurze Beitragsjahre) ist allen Parteien bewusst. Die CSV
hat das Rentensplitting aus ihrem Wahlprogramm gestrichen, da sich
trotz politischem Willen die technische Umsetzung als nicht machbar
erwiesen hätte. Stattdessen will die CSV dafür sorgen, dass jede/r
Anrecht auf eine ganze Rente hat. Im Scheidungsfall müssen mit einer
staatlich bezahlten Entschädigung Rentenrechte zurückgekauft werden.
Der Staat soll auch bei unzureichenden Rentenhöhen für einen Ausgleich
sorgen, obligatorische Rentenbeiträge für jede/n Einzelne/n soll es mit
der CSV aber nicht geben.
Auch die LSAP will im Rahmen eines reformierten Scheidungsgesetzes das
Rentensplitting in Form eines finanziellen Ausgleichs einführen, der
unabhängig von Alimenten ist. Déi Gréng stehen voll hinter der
Individualisierung, d.h. jede Person erwirbt einen eigenständigen
Rentenanspruch, dies auch bei einer beruflichen Auszeit. Es gelte aber
auch, bei den Frauen auf die Verantwortung für ihre eigene soziale
Absicherung zu pochen. Aus dem Publikum wurde der Vorwurf laut, die
Politik würde in der Frage der Absicherung von Frauen, die durch das so
genannte Hausfrauenmodell im Scheidungsfall benachteiligt sind, auf
Zeit spielen anstatt konkrete Verbesserungen für die Betroffenen zu
erarbeiten.
„Ich habe Vertrauen in das Gesetzesprojekt zur Reform der Abtreibung.“ Lydie Err, LSAP
Obwohl die Renten- und Versorgungsthematik den Nerv des Publikums
besonders traf, ging die Moderatorin zum Themenkomplex Körper und
Selbstbestimmung über. Alle Parteien sind der Meinung, dass Frauen
unabhängig von Vermögenslage, Wohnort, Bildungsstand etc. bei einem
Schwangerschaftsabbruch gleichgestellt sein müssen, eine
Liberalisierung der Abtreibung wird aber von CSV und ADR abgelehnt.
Lydie Err (LSAP) sieht die Reform des Abtreibungsgesetzes von 1978
nicht als „Essential“ bei den nächsten Koalitionsverhandlungen an, ist
aber zuversichtlich, dass die neue Gesetzesinitiative Früchte tragen
wird. Für LSAP, Déi Lénk und Déi Gréng soll die Frau selbst
verantwortlich bleiben. Alle Parteien fordern in diesem Kontext eine
verbesserte Sexualerziehung in den Schulen sowie eine gründliche Aus-
und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer.
„Das Centre pour l’Egalité de traitement ist ein wesentlicher Aspekt.“ Lydie Err, LSAP
Eng mit diesem Thema verbunden bleibt die oftmals stereotype
Darstellung der Frau in Werbung und Medien. Die CSV-Ministerin wollte
auf die ihrer Meinung nach getreue Umsetzung einer europäischen
Richtlinie in nationales Recht verweisen, laut der der
Gleichbehandlungsgrundsatz im Zugang zu Gütern und Dienstleistungen
gewährleistet wird. Hier wurde Frau Jacobs von den Noch-Abgeordneten
Loschetter und Err darauf verwiesen, dass in der nationalen
Gesetzgebung die Bereiche Medien, Werbung und Erziehung wissentlich
ausgeklammert wurden – ein großer Fehler, der die Handhabe klar
einschränke. Die DP, die im Allgemeinen zu viel Kontrolle eher ablehnt,
ließ durch Frau Mart verlauten, dass sie in diesem Handlungsfeld einer
stärkeren Reglementierung nicht abgeneigt sei.
Selbst wenn unter der Federführung des MEGA ein Kodex für die mit dem
Staat zusammenarbeitenden Werbeagenturen eingerichtet wurde,
bemängelten die Frauenorganisationen im Publikum, dass es kein
unabhängiges Kontroll- und Beschwerdegremium gibt, um Beschwerden
direkt nachzugehen und Strafen zu verhängen.
„Familiencenter“ (DP) oder „Samu social“ (ADR) versus „mehr Vernetzung der bestehenden Einrichtungen“ (CSV)
Abschließend wurde der Themenkomplex „Familie und Kinder“ angesprochen,
der in nahezu allen Wahlprogrammen einen breiten Raum einnimmt. Mélanie
Noesen (Déi Lénk) musste sich jedoch die Frage gefallen lassen, ob das
stärkere „In-die-Pflicht-Nehmen“ von Jungen und Männern für familiäre
Aufgaben bei der Lénk und ihren Männern kein Thema sei. Sie verneinte
und meinte, dass dieser Punkt im Wahlprogramm der CSV „nemmen besser
formuléiert ass“. Bei der ADR bleiben die Rollenzuweisungen
traditionell, auch wenn Frau Bausch mehr Selbstbewusstsein bei den
Mädchen einfordert und ihnen Heim und Herd – „wann si dat wellen“ –
gern zugesteht.
Die DP hat in ihrem Wahlprogramm die Argumente des Nationalen
Frauenrats aufgegriffen, gemäß denen eine gute und kostenfreie
Versorgungsstruktur der Gesellschaft mehr Nutzen als Kosten bringt.
Zusätzlich will die DP ein „Familiencenter“ einrichten, das alle
psychologischen, medizinischen und therapeutischen Beratungen
zusammenfassen und den Familien zur Verfügung stellen kann. Der CSV
bleibt dieser „Guichet unique“ zu vage, sie fordert eine bessere
Vernetzung zwischen den verschiedenen Dienstleistern und
Dienstleistungen, die bereits existieren, jedoch zu wenig bekannt sind.
„Eine gute Sexualerziehung in der Schule muss die Eltern einbeziehen
und auf kulturelle Unterschiede Rücksicht nehmen.“ Mélanie Noesen, Déi
Lénk
Erziehung und Schule spielen eine wichtige Rolle, wenn es um die
Erweiterung der Rollenbilder von Frauen und Männern geht. Zwar gibt das
LSAP-geführte Bildungsministerium in seinen Jahrenberichten an, die
Genderperspektive anzuwenden, doch bemängeln Frau Loschetter (Déi
Gréng) und Frau Mart (DP) bei den Lehrpersonen in der Stadt Luxemburg
fehlendes Interesse an diesem Thema. Weiterbildungen auf freiwilliger
Basis blieben leider ungenutzt und Gender und Gleichstellung würden
auch in der universitären Ausbildung der Vor- und GrundschullehrerInnen
weniger thematisiert als früher. Die CSV will eine obligatorische
Grund- und Weiterbildung zur Sexualerziehung einführen, schränkt aber
ein, dass dafür die Zustimmung einer „breiten Basis nötig“ ist, d.h.
dass man sich vielleicht nicht über den Widerstand des Lehrpersonals
hinwegsetzen will.
Auch Frau Noesen von Déi Lénk fordert ein
nationales Vorgehen und schlägt die Schaffung einer Anlaufstelle für
Lehrende vor, an die sich diese für Unterstützung in Sexualerziehung
oder Genderfragen wenden können. Die LSAP sieht dies auch als Aufgabe
für das Centre pour l’égalité de traitement.