FRAUEN UND MEDIEN - NEUER-ALTER HUT
(cb / Nov 08) Erinnern Sie sich an die im vergangenen Jahr in „Der
Spiegel“ und „Brigitte“ erschienene ganzseitige Anzeige mit dem Titel
„Kurzurlaub in Luxemburg“, auf der insbesondere die langen,
wohlgeformten Beine einer jungen Frau im Minirock ins Auge sprangen?
Einer Cid-Unterstützerin war die Werbung wegen der sexistischen
Darstellung aufgefallen. In einem Protestbrief an den
Tourismusminister, dessen Beamte die Werbung in Auftrag gegeben hatten,
und an die Chancengleichheitsministerin haben wir das Vorgehen des
Tourismusministeriums angeprangert und gleichzeitig kritisiert, dass es
nicht angehen könne, wenn das Chancengleichheitsministerium den
Stereotypen und Klischees den Kampf ansagt, ein anderes Ministerium
sich derer aber unreflektiert bedient. Tourismusminister Boden ließ
antworten, dass er beim besten Willen in dieser Werbung keinen Sexismus
feststellen könne. Frau Jacobs bedankte sich für den Protestbrief und
versprach, der Reklamation nachzugehen. So weit, so gut.
Dass der Protest noch weitere Folgen hatte, zeigte sich vor einigen
Tagen: Das Chancengleichheitsministerium zusammen mit dem Verband der
Werbeagenturen Markom luden ein zu einer Konferenz mit dem Titel
„PublicitÉthique“. Unter der Federführung der von Frau Jacobs geführten
Ministerien wird zurzeit eine verwaltungsinterne Anleitung
ausgearbeitet für die Zusammenarbeit mit Werbe- und
Kommunikationsagenturen, die den Beamtinnen und Beamten klare
Richtlinien gibt. Immerhin ist der Staat der zehntgrößte Auftraggeber
für die hiesige Werbebranche. Auf Grund von Gesetzestexten,
internationalen Konventionen und europäischen Verträgen ist Luxemburg
gehalten, jeglicher Form von Diskriminierung entgegenzuwirken. Weniger
Klischees und stattdessen mehr Vielfalt, um ein realistisches Bild der
Bevölkerung hinsichtlich Geschlecht, Herkunft, Alter, Religion und
sexueller Orientierung zu geben – das sei wichtig.
Der Regierungsrat hat das Projekt bereits gutgeheißen. Jetzt wartet man
auf Rückmeldung einzelner Ministerien, bevor die Anleitung definitiv
gedruckt und dann – voraussichtlich ab Januar 2009 - im Alltag
umgesetzt werden soll. Indirekt erhofft sich der Staat dadurch auch
eine Sensibilisierung der Werbeagenturen, denen er zurzeit keine
strengeren Auflagen machen will. Im Fachvortrag des Generaldirektors
der EACA (European Association of Communication Agencies), Dominique
Lyle, war denn auch die Selbstregulierung des Werbemarktes der
Leitgedanke. Diese Selbstregulierung umschifft elegant die Klippen, die
Markom-Präsident Claude Müller eingangs der Konferenz hervorstrich:
Muss die Werbebranche Normen respektieren? Wenn ja, welche Normen?
Wessen Normen sind das? Wer darf die Normen festlegen?
Selbstregulierung statt Vorschriften
Könnte es sein, dass sich die private Werbebranche schwer damit tut,
wenn der (demokratisch legitimierte) Staat
Vorgaben machen will? Muss
nicht im Umkehrschluss auch gefragt werden, was der Werbebranche das
Recht gibt, die Gesellschaft mit „ihren Normen“ (oder denen ihrer
Auftraggeber) zu bombardieren?
Der Vorstoß von Frau Jacobs bleibt derweil lobenswert, da der Staat mit
dieser Initiative mit gutem Beispiel vorangeht und dem Thema Ethik in
der Werbung und Kommunikation eine politische Dimension gibt. Aber
dieser Initiative müssen weitere Taten folgen! Die Vertreter der
Werbebranche selbst planen eine Revitalisierung des „Intensivpatienten“
CLEP, dem Conseil luxembourgeois pour l’éthique en publicité, dessen
Bedeutung in den letzten Jahren noch hinter die des
berühmt-berüchtigten Papiertigers zurückfiel. Im CLEP sitzt die
Werbebranche, befindet über die ethischen Maßstäbe, die für die eigene
Zunft gelten, und prüft, ob Beschwerden und Beanstandungen Substanz
haben. Selbstregulierung pur, wenn sie sich denn die Mittel gibt, um
wieder aktiv zu werden. Als neuen Partner suchen die Werbeagenturen die
Anzeigenbranche, die in der Werbewirtschaft eine wichtige Rolle spielt.
Doch: wie viel Vertrauen kann man diesem neuen CLEP entgegen bringen?
Welche Alternative gibt es zur Selbstregulierung? Und wie will die
Regierung den Vorschlägen des Europarats entsprechen, der zwar
Selbstregulierung vorsieht, aber eben auch staatliche Regulierung und
Medienerziehung?
Modelle in Kanada und der Schweiz zeigen, dass es auch anders geht und
die Werbebranche dabei nicht um ihre Kreativität fürchten muss. In
beiden Ländern gibt es pluralistische Kontrollgremien, in denen neben
der Werbebranche auch andere Interessengruppen vertreten sind, z.B.
Verbraucherschützer, Frauenorganisationen, Ausländerlobbies etc. Hier
sind wir weit entfernt von einer staatlichen Instanz, welche die
Werbebranche am Gängelband hält und deshalb von vielen abgelehnt wird.
Solche Modelle kann man als Mittelweg bezeichnen zwischen
privatwirtschaftlichen Interessen und dem staatlich zu garantierenden
Schutz vor Diskriminierungen aller Art. Und sicher bringen die meisten
Bürgerinnen und Bürger solchen Gremien mehr Vertrauen entgegen als der
Selbstregulation.
Dass Bedarf besteht, zeigen die ca. 50.000 Beanstandungen, die jährlich
laut EACA in Europa eingehen, wobei Luxemburg zurzeit auf der
EACA-Landkarte als „weißer Fleck“ bezeichnet wird.
Eine Diskussionsrunde zum Abschluss der Veranstaltung machte übrigens
deutlich, dass nicht alles so einfach ist, wie es auf den ersten Blick
scheinen mag:
Während Danièle Fonck, Präsident des Presserats und Präsidentin des
Europäischen Zeitungsverlegerverbands ENPA, persönlich nichts gegen die
Verwendung von Bildern schöner, schlanker Frauen in der Werbung
einzuwenden hat, weist sie mit Recht auf die Problematik der
Kleinanzeigen hin. Diese arbeiten nicht mit diskriminierenden Bildern,
stehen aber für die ethisch nicht zu verantwortende Vermarktung der
Frau.
Abschließend soll auf die Meinung einer Zuhörerin verwiesen werden,
gemäß der auch militante Aktionen gegen diskriminierende Werbung eine
Handlungsalternative zu Selbstregulation oder externer Kontrolle
bleiben.