BILANZ UND AUSSICHT
GD-BD 2008: Bilanz und Aussicht
(cb) Am 22. April fand der diesjährige Girls’ Day-Boys’ Day statt.
Unter dem Motto „Deng Chance fir atypesch Beruffer kennen ze léieren“
konnten Mädchen zum 6. Mal und Jungen zum 3. Mal für das jeweilige
Geschlecht atypische Berufe in der Praxis erleben. Was gibt es noch
Neues zu berichten über ein Projekt, das inzwischen den Kinderschuhen
entwachsen und fest verankert zu sein scheint?
Die gute Nachricht zuerst: der GD-BD 2008 hat reibungslos funktioniert
und stellte sich – dank eines guten Medienechos – erneut erfolgreich
dar. Die begeisterten Aussagen der Jugendlichen, die sich im Gästebuch
auf der Internetseite des GD-BD verewigten, erfreuten die
Koordinatorinnen des Projekts natürlich ganz besonders, und doch
schwingen ein paar Molltöne mit:
Es gab in diesem Jahr keinen Zuwachs an Teilnehmerinnen und Teilnehmern
zu verzeichnen, denn mit ca. 700 Schülerinnen und Schülern stagniert
die Zahl auf Vorjahresniveau. Damit nahmen, bezogen auf die
SchülerInnenpopulation, für die der GD-BD zugeschnitten und angeboten
wird, nur ca. 4% aller Schülerinnen und Schüler das Angebot des GD-BD
in Anspruch.
Bei den Betrieben fällt die Bilanz ebenfalls gemischt aus: im Vergleich
zum Vorjahr wurden mit 764 Plätzen etwas weniger Schnupperplätze
angeboten. Mädchen standen mehr Plätze zur Verfügung, und sie nutzten
das Angebot auch stärker als Jungen, wo knapp 40% der Schnupperplätze
unbesetzt blieben. Insgesamt beteiligten sich 26 Betriebe mit Angeboten
für Jungen, 42 Betriebe mit Angeboten für Mädchen und etwa 20 Gemeinde-
und Stadtverwaltungen, die meistens jungen- und mädchenspezifische
Angebote bereithielten. Dass das Engagement dieser Betriebe,
Verwaltungen und Institutionen für den GD-BD hervorzuheben ist, zeigt
der Vergleich mit dem „Tag der offenen Unternehmen“ , für den eine
professionelle Agentur vor kurzem „nur“ 37 Unternehmen gewinnen konnte.
Auch wenn es eher die Ausnahme als die Regel ist, so stellen wir doch
auch fest, dass es schwierig ist, Unternehmen als dauerhafte Partner zu
gewinnen, wenn sie am GD-BD kaum motivierte oder schlecht vorbereitete
Jugendliche empfangen müssen.
Anspruch und Wirklichkeit
Auf den zweiten Blick bewegt sich das Projekt auf einer Gratwanderung zwischen Anspruch und Wirklichkeit:
Wenn die Teilnahme der Jugendlichen freiwillig sein soll, wird es ohne
die umfassende Sensibilisierung in den Schulen bei einer sehr niedrigen
TeilnehmerInnenquote bleiben. Wird die Teilnahme jedoch obligatorisch
und findet nicht gleichzeitig eine korrekte Vor- und Nachbereitung des
Projekts in den Schulen statt, riskiert die Motivation der Jugendlichen
stark zu schwanken und Unzufriedenheit auch bei den Betrieben
hervorzurufen. Außerdem müssen bedeutend mehr Schnupperplätze angeboten
werden, die natürlich einem gewissen Qualitätsanspruch genügen müssen.
Ohne die Mitarbeit der Schulen ist das Projekt nicht durchzuführen.
Schule beinhaltet alle Akteure: SPOS, Schulleitungen,
KlassenlehrerInnen, OrientierungslehrerInnen. Vom
Unterrichtsministerium wird dem GD-BD versichert, eine wichtige und
gute Inititative zu sein. Trotzdem ziehen längst nicht alle Schulen im
gleichen Maße mit und somit haben nicht alle Jugendlichen die gleichen
Chancen, am GD-BD teilnehmen zu können.
Die aktuelle Form, Angebot und Nachfrage von Schnupperplätzen zentral
zu verwalten, riskiert an ihre Grenzen zu stoßen. Um einen größeren
Zuwachs zu realisieren, müssen Jugendliche selbst, ihre Eltern und
natürlich auch die Schulen zusätzliche Anstrengungen unternehmen, in
Eigenregie Schnupperplätze zu suchen und sich selbst für den Ablauf des
GD-BD verantwortlich zu fühlen.
Der GD-BD sollte komplementär sein zu anderen Aktivitäten der
Berufsorientierung. Das verlangt eine Abstimmung und einen Austausch
mit anderen Aktivitäten. Ansonsten ist das Risiko gegeben, sich in
einer Vielzahl von Aktionen und Pilotprojekten zu verzetteln, die sich
gegenseitig Konkurrenz machen, anstatt sinnvolle Synergien zu nutzen.
Pilotprojekt mit Zukunft?
Nach mehreren Jahren hat der GD-BD die Pilotphase hinter sich
gelassen. Dank der Förderung durch den Europäischen Sozialfonds konnte
während vier Jahren ein relativ performantes Projekt aufgebaut werden,
das laut Aussagen der Ministerin Delvaux von der Regierung als wichtig
und fortsetzungswürdig bewertet wird. Kurzfristig, d.h. für 2009, ist
der GD-BD auch abgesichert und wir werden ihn in der gewohnten Form und
Qualität Ende April 2009 wieder anbieten.
Mittelfristig soll jedoch eine andere Lösung gefunden werden, um die
im Cid-femmes durch den GD-BD gebundenen Ressourcen für andere, neue
Projekte frei zu stellen. Jedoch ist es uns ein Anliegen aktiv daran
mitzuarbeiten, dass der GD-BD auch nach 2009 funktionieren wird. Dies
bedeutet, die wesentlichen, bewährten Charakteristika des Projekts
zurückzubehalten oder in andere Aktivitäten zu integrieren. Dabei
handelt es sich um folgende Aspekte:
- das Kennen lernen so genannter atypischer Berufe
- die Durchführung in geschlechtshomogenen Gruppen
- die freiwillige Teilnahme
- die praktische Ausrichtung in der realen Arbeitswelt.
Zurzeit erhalten wir Rückmeldungen von Betrieben, die sich am GD-BD
beteiligt haben und zur Zukunft des Projekts befragt wurden. Es
scheint, dass seitens der Arbeitswelt ein Interesse daran besteht, an
der Diskussion zur Weiterführung des Projekts teilzunehmen. Der Ball
liegt jetzt im Unterrichtsministerium, wo nicht nur mündlichen Zusagen
ausreichen, sondern bis Ende 2008 konkrete Vorschläge gemacht werden
müssen, wie ein bewährtes Pilotprojekt – das übrigens während 6 Jahren
mit öffentlichen Mitteln durchgeführt wurde – dauerhaft und
flächendeckend umgesetzt werden kann. Dass dieser Wunsch bei den
Schülerinnen und Schülern besteht, belegen ihre Aussagen im Anschluss
an den GD-BD eindeutig!
Die berufliche Orientierung zu verbessern und dabei die Bedürfnisse und
Ansprüche von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern zu
berücksichtigen, muss im Interesse der Gesellschaft aber auch im
Hinblick auf die Bedeutung der Arbeit für das Lebensprojekt der
einzelnen Person dringend gewährleistet sein.