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Da
muss etwas in der Luft liegen: Utopien im Doppelpack! Zwei gestandene
Schriftstellerinnen legen neue Werke vor und widmen sich - bis in den
Titel hinein - den persönlichen und gesellschaftlichen
Handlungsspielräumen ihrer ProtagonistInnen. Das Pferd zäumen sie jedoch
von der jeweils anderen Seite auf:
Marlene Streeruwitz' literarische
„Lehrstücke“ präsentieren ihre Antiheldinnen und -helden genau zu dem
Zeitpunkt, an dem sie entdecken, wie sehr sie im Schlamassel stecken.
Sie ziehen Bilanz, und klopfen erste Thesen ab: „Es war nicht wegen des
Sex.“ vermutet Andrea S., die sich in eine komplett festgefahrene
Partnerschaft verstrickt hat. „Es war nicht wegen des Alters.“ sagt sich
die Universitätsprofessorin Auguste K., deren Institut die Abwicklung
droht. Und auch Yasemina G. scheint einen Faktor ausschließen zu können:
„Es war nicht wegen der Eltern.“! Danach folgt - jeweils eingebettet in
die Erzählsituation - ein Monolog in der dritten Person. So kommt ein
Baustein zum anderen, und schnell zeigt sich, welcher Art die Sackgassen
sind, in denen sich die ProtagonistInnen befinden.
Von wegen: „Das
wird mir alles nicht passieren...“, so Teil 1 des Buchtitels. Viele
Situationen sind sehr vertraut: Es sind finanzielle und psychische
Abhängigkeitsverhältnisse, Krankheit, Pflichtgefühl und erstarrte
Solidarität. Am Anfang der Unglücksfaktoren steht häufig ein zu lange
aufgeschobenes „Nein!“ oder „Warum eigentlich?!“
Das könnte
depressiv wirken, tut es aber nicht, denn Streeruwitz liefert einen
zweiten Titel: „Wie bleibe ich FeministIn.“ - ohne Fragezeichen! Damit
stellt sie die Monologe in einen Kontext und bringt Bewegung ins Spiel:
Ohne auch nur einmal (es sei denn, die Rezensentin hätte es überlesen)
ihren HeldInnen das Wort Feminismus in den Mund zu legen, hat sie das
theoretische Feld eröffnet, und interessierte LeserInnen beginnen nun zu
kombinieren. Sie können einiges dabei entdecken.
Vor dem Hintergrund
des Feminismus tritt an die Seite der von Abwicklung bedrohten
Professorin nun eine zuvor ins Boot geholte jüngere Kollegin ins
Blickfeld. Jetzt ist sie die Konkurrentin, die vielleicht über die
besseren Erfolgsstrategien verfügt. Wie steht es um einen konstruktiven
feministischen Blick auf Konkurrenz unter Frauen? Oder geht es doch ums
Alter?
Ein weiteres Beispiel: Christian F., der seinen Monolog: „Es
war nicht wegen des Geldes.“ eröffnet, erzählt seine Geschichte als
Tischler. Seine Frau Bettina, eine „Botschafterstellvertreterin“,
begleitet er über Jahre in verschiedenen Ländern und versorgt außerdem
das gemeinsame Kind. Jetzt hat er sich endlich wieder eine eigene
Werkstatt eingerichtet. Wie aber den guten Wiedereinstieg finden, ohne
die Errungenschaften der Partnerin zu schmälern, ohne die alten
Klischees zu bedienen? Wie aushalten, dass die Rollenaufteilung, auch
wenn sie umgekehrt wird, untragbar ist? Wie einen weiteren Umzug
verkraften?
Erfahrungswelten und Diskussionsstoff ausreichend also
für viele feministische Reflexionen und auch Spielereien: Das Buch
begleitend hat Marlene Streeruwitz eine interaktive Website entworfen,
die sie „cross media experiment“ nennt. Das Funktionieren der Seite
erschließt sich nicht auf den ersten Klick, es gilt aus der
Schlagwörterwolke einzelne Begriffe auszuwählen. Doch mit etwas Geduld
lassen sich Rezensionen, Seitenverweise und auch Fortsetzungen der
Geschichten finden. Hier begegnen sich zum Beispiel Christian F. und die
oben erwähnte Andrea S. bei den Weihnachtseinkäufen: Zitat: „(...) Sie
lächelten einander an. Er nahm seine Einkaufstaschen. Ob sie mit ihm
einen Punsch trinken wolle. „Ja.“ sagte sie. Das wäre eine gute Idee.
Sie sollten Weihnachten feiern. Denn eigentlich habe doch keiner von
ihnen das bekommen, was sie wollten. Wie sie das meine, fragte er. Nun,
sagte sie, er wolle doch ein Ende und sie wolle einen Anfang und
offenkundig hatte er einen Anfang bekommen und sie ein Ende. Aber sie
habe zu Weihnachten ohnehin noch nie bekommen, was sie sich gewünscht
hätte. Das träfe auf ihn auch zu, nickte er. (…) “
(www.marlenestreeruwitz.at) - Wie es scheint, noch kein Happy End ...
Nun zur anderen Weise, das Pferd aufzuzäumen: 
Birgit
Vanderbeke lässt ihre zurückblickende Ich-Erzählerin, Tochter aus gutem
Haus, auf Adam Czupek treffen und sich in ihn verlieben. Adam steckt
definitiv nicht in einer Sackgasse. Auf der Hauptstraße des Lebens ist
er dafür aber auch noch nie gewesen: „Adam war immer schon draußen“:
Eine Kindheit in den 50er, 60er Jahren, er ist der älteste von fünf
Kindern, die Mutter psychisch krank, der Vater ein kleiner Beamter,
frustriert von der ganze Situation und dem viel zu kleinen Haus. Für
eine gute Schulbildung sind das nicht die besten Voraussetzungen. Also
macht Adam eine Lehre und fängt an, sein Leben im „Draußen“
einzurichten.
Was folgt ist zum einen eine schöne Liebesgeschichte,
zum anderen eine humorvolle Ode an das alternative Leben. Dabei kommt
Birgit Vanderbeke einer Romantisierung manchmal gefährlich nahe, und
doch lässt sich die Geschichte hervorragend als Alternativ-Märchen
lesen! Denn so wenig, wie in ihren vorherigen Romanen schlägt sich die
Autorin auf die naive Seite. Sie bettet die Erzählung in die
Zeitgeschichte ein, skizziert die politische Atmosphäre der 80er Jahre
samt „Ärzten“ und „Ton, Steine, Scherben“, zeigt die Enttäuschungen und
Entpolitisierungen der 90er Jahre und bleibt auch vor dem neuen
Jahrhundert mit „Anti-Terror-Krieg“ und Hartz IV nicht stumm. Trotzdem
gelingt es ihr, dem Leben im „Draußen“ eine so große Attraktivität
zuzuschreiben, dass es magnetisch als Lebensort für viele denkbar wird.
Und dafür braucht es bisweilen mal ein bisschen Kitsch, schönen Kitsch!
Denen, die das Buch lesen, bleibt ein dickes Grinsen im Gesicht und der
Ohrwurm: „Das lässt sich ändern!“
(Marlene Streeruwitz, Fischer 2010, 150 Seiten; Birgit Vanderbeke, Piper 2011, 146 Seiten)
(Ulrike Bail) Zehn Jahre nach dem wunderbaren ersten Buch
‚Fluchtstücke' von Anne Michaels erschien nun Wintergewölbe,
ein nachdenkliches, dichtes, poetisches Buch, das es wert ist, dass
man es langsam liest. Der Roman erzählt von Avery und Jean, die
sich im wasserlosen Bett des St.-Lorenz-Stroms kennenlernen. Avery
ist als Ingenieur an der Begradigung des Flusses beteiligt, Jean
sammelt die Pflanzen, die es bald so nicht mehr geben wird, um sie zu
bewahren. Als Avery nach Ägypten geht, um den Tempel von Abu
Simbel wegen des Nasser-Staudamms zu versetzen, begleitet ihn seine
Frau. Dort leben sie auf einem Hausboot gegenüber der riesigen
Baustelle, die für beide immer fragwürdiger wird, hat sie
doch die Umsiedlung der Nubier zur Folge, die ihre Traditionen, ihre
heiligen Ort, ihre Gräber und damit ihre Geschichte und ihre
Identität zurücklassen müssen. Dort verliert Jean auch
ihr ungeborenes Kind. Dieser Verlust treibt die beiden auseinander,
so dass sie später, wieder nach Toronto zurückgekehrt,
getrennt leben. Avery beginnt Architektur zu studieren, Jean verliebt
sich in den polnischen Künster Lucjan, der das Warschauer Ghetto
überlebt hat. Im letzten Kapitel kommen die beiden Liebenden
wieder zusammen, in ‚einer empfindlichen neuen Möglichkeit',
die wieder verschwindet würde, „wenn sie jetzt unpräzise
sprächen". Dieses Kapitel trägt die Überschrift
‚Petrichor', ein Wort für den Geruch des Regens auf
trockenem Grund, wenn es lange nicht geregnet hat. Der Roman
thematisiert auf poetische Weise die großen Fragen von Verlust
und Vergebung, Zerstörung der Natur und verlorener Schönheit,
von Abwesenheit und Trauer, von Erinnerung und Schmerz, Überleben
und Zärtlichkeit, Stein und Haut. Immer wieder stößt
man auf Sätze, an denen man lange hängen bleibt: „Manche
Tage, dachte Jean, sind nur aus Liebe möglich."
(ke) Absolut beeindruckend ist der
neue, und mittlerweile zwölfte Roman der amerikanischen
Schriftstellerin Louise Erdrich. Der Schauplatz ist die Kleinstadt
Pluto, die am Rande des Chippewa-Reservats in North Dakota
angesiedelt ist. In vielen Stimmen lässt die Autorin ihre
ProtagonistInnen von einem dramatischen Ereignis erzählen, das
seine Schatten bis in die Gegenwart wirft.
Nachdem im Jahr 1911 eine weiße Siedlerfamilie in ihrem Farmhaus - ohne erkennbares Motiv - erschossen wird, üben die „aufrechten" Bürger vor Ort Lynchjustiz an denen für sie üblichen Verdächtigen: vier jungen indianischen Männern aus dem Reservat. Um so bitterer ist ihre Tat, da die Indianer zuvor den Mord entdeckt hatten und das Baby, das als einziges überlebt hatte, zu retten versuchten. Und noch einer überlebt, es ist der junge Indianer Mooshum.
In dem in der Gegenwart spielendem Teil der Geschichte ist er es, der seiner Enkeltochter Eveline die erste Spur zur Geschichte weist. Bald wird sichtbar, wie auch sie in die Vergangenheit verwickelt ist, mütterlicherseits stammt sie von einem Opfer ab, väterlicherseits von Teilnehmern an der Lynchaktion. Sie beginnt genauer hinzuhören: „Ich verfolgte die blutige Spur der Morde quer durch die Familien meiner Mitschüler und Freunde, bis ich ein kompliziertes Geflecht aus Linien und Doppelkreisen aufzeichnen konnte." Viele weitere Stimmen ergänzen die Geschichte, sprechen über die Rolle der christlichen Kirche, über den Verlust und die Bewahrung indianischer Traditionen, über Liebe, Männlichkeit und immer wieder auch über Gewalt. Dabei ist nicht nur die Vielfalt der Stimmen erstaunlich, sondern auch die Formen in denen sie erzählen: heimlich erlauschte Gespräche, erzieherische, mit dem Anliegen der Überlieferung geführt, Liebesflüstereien, Briefe und Tagebücher. Trotz der Schwere des Themas gelingt es Louise Erdrich (*1954) wie auch in ihren vorangegangenen Werken, immer wieder komische Passagen einzufügen, am witzigsten mit Großvater Mooshum, die der Macht der Gewalt ein wenig Contra geben. Unbedingt lesenswert.
(Insel 2009, 396 Seiten)
(ke) Clarissa,
eine junge Frau Mitte Dreißig, die sich als Jugendliche nach
Deutschland abgesetzt hat, reist zurück in das Land ihrer
Kindheit, die USA. Gerade ist ihre Klischee-Liebesbeziehung - à
la älterer Dichter liebt junge und intelligente Frau - zu Ende
gegangen, und nun sucht sie die Trauer mit einem anderen intensiven
Gefühl, dem der Rückkehr, zu vertreiben. Absichtlich fliegt
sie nicht direkt nach New York, wo sie aufgewachsen ist, sondern nach
Florida. Das Ankommen will dosiert sein.
Es folgt eine Reise, einem Roadmovie gleich, quer durch die Staaten von Florida über Tennessee nach Alaska. Dabei gerät Clarissa in die brodelnde Zeit des Vorwahlkampfes im Frühjahr 2008. Noch ist die Entscheidung zwischen Clinton und Obama nicht gefallen. Wohin es Clarissa auch treibt, auf den Bildschirmen der Hotellobby, in den Gesprächen mit den diversen Reisebekanntschaften, die KandidatInnen sind allgegenwärtig.
Während die sehr von sich selbst überzeugte Protagonistin alles, was ihr begegnet, an ihrer gerade beendeten Liebesbeziehung misst und meint, nichts könne dieser emotional das Wasser reichen, sind diese Begegnungen für die LeserInnen durchaus spannend. Sie führen klassische US-amerikanische Stereotype vor, nur um sie kurz darauf wieder zu demontieren, und das, wie immer bei den Romanen von Irene Dische (*1952 in New York), auf sehr amüsante Weise!
(Hoffmann und Campe 2009 160 Seiten)
(ke) Zur
falschen Zeit am falschen Ort! Sie sind schicksalhaft verbunden durch
eine Leiche: Ein selbstherrlicher Dorfbürgermeister, der kurz
vor den Wahlen steht, die osteuropäische Aushilfe von Connys
Blumenladen, ein ängstlicher Metzgermeister, der von der
Expansion seines Ladens träumt und ein grundverwirrter
Ziegenwirt. So unterschiedlich ihre Interessen im Einzelnen sind, der
unerwartete Leichenfund macht sie alle erpressbar. Und so wird
gemauschelt und vertuscht, was das Zeug hält!
Der erste Krimi
von Susanne Jaspers (*1970 in Aachen), die selbst im Luxemburger
Verlagswesen arbeitet, überzeugt durch Humor und die richtige
Portion Schadenfreude. Einige Klischees weniger (die Überzahl
der Klatschbasen, die Osteuropäerin mit Sexappeal) und das ganze
wäre perfekt.
(Saint-paul 2009, Seiten 247)
(Berlin Verlag 2009, 349 Seiten)
(ke) Ein seltsamer und berührender Roman. Im
Web-Zeitalter entwirft die junge Autorin Dorothee Elmiger eine
post-apokalytische Welt, in der den klassischen Kommunikations- und
Informationsmedien – Telefon, Brief,
Lexikon und Literatur – eine
bedeutende Rolle zukommt.
Weder Handy noch Internet sind der Schweizer Wahlberlinerin eine Zeile
wert.
Ein Kohlerevier ist unterirdisch in Brand geraten, einzelne Landschaftsabschnitte sind versunken und nur noch wenige Menschen, darunter die jugendlichen Protagonistinnen, die Schwestern Fritzi und Margarete, sind übrig geblieben. Überall zeugen Schächte und ramponierte Fördertürme von der jüngeren Geschichte. Doch darüber, was genau geschehen ist, und vor allem darüber, was werden soll, verraten sie nichts.
An die Zeit vor dem Unglück haben die Schwestern keine Erinnerung. Anstatt, wie in anderen apokalyptischen Szenarien, alle Energie darauf zu setzen, aus der Zone zu fliehen – denn dass es ein Außen gibt, ist offensichtlich – beginnen sie mit Erkundigungen. Sie streifen durch die versehrte Landschaft, wälzen Lexika und Bücher, laden sich mit Geschichte(n) auf und machen sich auf die Suche ...
Ihr Vater hingegen wird von keiner Hoffnung getrieben. Er geht in der Rolle des Polizeikommandanten auf. Mit ein paar Kollegen kontrolliert er das „Land“, dokumentiert den Zerfall und markiert die eigenen Besitzstände. Jegliche Fragen darüber, was geschehen ist, blockiert er.
Ein Roman voller Zitate, der mit Bildern, die an Marlen Haushofers Roman Die Wand oder an Andrei Tarkovskis Film Stalker erinnern, eine dichte Atmosphäre hervorruft. Für ihren Erstling hat die 25-jährige Dorothee Elminger den aspekte-Literaturpreis für den besten deutschsprachigen Debütroman des Jahres erhalten.
(Dumont 2010, 143 Seiten)
(ke) Bella Block wird unfreiwillig in die Familienangelegenheiten
ihrer Freundin Annabella verstrickt: Die Italienerin, die in Hamburg
mit ihrem Mann ein Edelrestaurant führt, hat „Probleme“ mit dem
erwachsenen Stiefsohn. Nun steht sein Leben auf dem Spiel...
So reist die belesene, sture und trinkfeste Privatdetektivin zu
Ermittlungen in ihr Geburtsland Sizilien. Schon bald muss
sie feststellen, dass neben der Liebe die Mafia im Spiel ist.
Bella Block-Fans werden den etwas klischeehaft geratenen Plot
verzeihen. Denn außer Spannung präsentiert Doris Gercke in Schweigen
oder Sterben eine patriarchale, aber modernisierte Mafia, in der
erstmals eine Frau mit Kommunikationstrategien und
betriebswissenschaftlichem Know-how ihre Karriere betreibt.
(Hoffmann und Campe 2007, 205 Seiten)
(ke) Der eins zu eins übersetzte Titel ist treffend. In diesen
autobiografischen Erzählungen ist immer etwas Grundlegendes aus dem
Lot: Schlechte Nachrichten zu früh am Morgen, eine übereifrige,
„werdende“ Schwester, deren Mutter vom Eifer nichts mitbekommt und
seltsame Behausungen, in denen noch seltsamere (Liebes-)beziehungen
gelebt werden... Die LeserInnen begleiten Margaret Atwood dabei,
wie sie mit der Taschenlampe unwegsames Gelände erforscht. Der Fokus
erlaubt Rückschlüsse auf das Umfeld, und LeserIn und Autorin scheinen
sich gleichermaßen zu fragen, „Wie bin ich nur hierher gekommen?“
Das Buch der mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichneten
kanadischen Autorin ist getragen von Selbstironie und Anteilnahme und
unbedingt empfehlenswert.
(Berlin Verlag 2008, 253 Seiten)
(js) Gleich auf den ersten Seiten des Buches steht fest, dass die
junge Jura-Studentin Marie eine unheilbare Lungenkrankheit hat, an der
sie wohl in kurzer Zeit sterben wird. Genau so wie ihr Körper langsam
auseinander fällt, gerät auch die Welt um sie herum aus dem Lot. In der
Stadt verschwinden erst Gegenstände, dann Menschen. Sie tauchen
allerdings später völlig unverhofft woanders wieder auf – oft gerade
dann, wenn man es am wenigsten vermutet.
„Vielleicht konnte man sterben und war trotzdem noch da. Man verschwand
nicht wirklich aus diesem Leben (...), sondern tauchte in einer anderen
Form wieder auf”, so Marie.
Weil es vorkommen kann, dass die Menschen abends ihr Haus nicht mehr an
der Stelle finden, an der sie es vormittags verlassen haben, oder dass
der Schlüssel nicht mehr passt, suchen sie immer häufiger Zuflucht in
Hotels oder Nachtasylen. In einem solchen Hotel, das Frauen vorbehalten
ist, arbeitet Marie.
Der Roman erzählt von Marie, von ihrer Beziehung zu Peter und natürlich von der Krankheit, die sie immer mehr gefangen nimmt.
Sie taucht in unterirdische Welten ab, Gegenwelten zu der „wirklichen“ Welt.
Die Geschichte des Romans ist etwas handlungsarm und verwirrend
aufgebaut, dafür aber in einer sehr eindringlichen und poetischen
Sprache erzählt.
(Fischer 2008, 256 Seiten)
(js)
Nachdem Sie vielleicht während der Weltmeisterschaft vor dem Fernseher bei so
manchem Fußballkrimi mitgefiebert haben, ist es nun wieder an der Zeit,
sich mit einem Buch zurückzulehnen – und was eignet sich dazu besser
als ein Krimi aus Frauenfeder…?
Letzten November begeisterte uns die
Krimiautorin Gisa Klönne während der Kriminacht in der Bibliothek. Nun
waren wir natürlich gespannt auf den neuen Fall der Kommissarin Judith
Krieger.
In ihrem dritten Roman behandelt Gisa Klönne mit viel
Sensibilität die „unangenehmen“ Themen häusliche Gewalt, Prostitution
und Frauenhandel. Endlich wieder ein Krimi, der das Prädikat
feministisch verdient.
An einem regnerischen Winterabend wird in
Köln die Leiche eines S-Bahnfahrers gefunden. Bei den Ermittlungen
brennt nicht weit vom Tatort eine Pizzeria ab, der Besitzer stirbt -
ans Bett gefesselt - in den Flammen. Zugleich rettet die Feuerwehr in
allerletzter Minute eine junge russische Frau aus einem Versteck im
Keller. Die Frau, vermutlich eine Prostituierte, kann allerdings nicht
aussagen, denn sie fällt schwer verletzt ins Koma.
Während die
Kommissarin Judith Krieger davon überzeugt ist, dass die Lösung des
Falles in einer Kunstfabrik zu suchen ist, die sich auf dem
Bahnhofsgelände befindet, recherchiert ihr Kollege Manni Korzelius im
Rotlichtmilieu.
Persönlich verstrickt ist die verschlossene
Rechtsmedizinerin Ekaterina Petrowa. Als Leiterin des Projekts
„Häusliche Gewalt“ muss sie sich um die Fälle misshandelter Frauen
kümmern. War sie vor ihrer Vergangenheit nach Deutschland geflüchtet,
wird sie nun wieder von ihr eingeholt. Vieles erinnert sie an ihre
traumatische Kindheit und das Schicksal ihrer Großmutter, einer
Sami-Schamanin.
Um diese Figuren herum behandelt die Autorin das
Thema Gewalt gegen Frauen. Ihre sehr gründlichen Recherchen zeichnen
ein bedrückendes und erschreckend realistisches Bild westlicher
Wirklichkeit. Klönne beschönigt nichts und läßt ihre Hauptprotagonistin
Judith Krieger, die früher mal in einem Frauenhaus gearbeitet hat, ganz
klar Stellung beziehen. Tatsache ist, dass sich Gewalt durch alle
sozialen Schichten hindurch zieht, dass auch gut situierte verheiratete
Frauen sich erniedrigen und ausbeuten lassen, ohne dagegen
aufzubegehren, dass laut EU-Studie jede vierte Frau in Deutschland
schon mal häusliche Gewalt erlebt hat u.v.m.
Ein intelligentes Buch, das man sowohl als gut geschriebenen Roman wie auch als Krimi lesen kann.
(Ullstein 2008, 368 Seiten)
(ke)
Perfektes Timing: Auch wenn die 92-jährige Marian Leatherby noch davon
träumt, irgendwann nach Lappland zu ziehen, hat sie sich doch in ihrem
kleinen Leben bei der Familie ihres Sohnes eingerichtet, mit Hinterhof,
Huhn und Katzen, mit kleinen körperlichen Unannehmlichkeiten und mit
den erfreulichen, regelmäßigen Besuchen bei der Freundin Carmella.
Doch Veränderungen bahnen sich an: Die hellsichtige Carmella schenkt
ihr ein Hörrohr. Während Marian zunächst darüber erschrickt, wie laut
die Welt ist, muss sie bald Unangenehmeres entdecken, nämlich dass die
Familie die Absicht hat, sie in ein Altersheim zu bringen.
Überrumpelt und vor allem traurig über den Abschied von den Tieren
packt Marian ihre Sachen. Doch sie resigniert nicht: Sie zieht los mit
der Vorstellung, in ein Hochsicherheitsgefängnis mit Wärtern und
Wachhunden gebracht zu werden. Dank Carmella ist sie aber mit den
verschiedensten Fluchtplänen und –utensilien gewappnet, die weder
Abseilen noch die Verwendung von Maschinengewehren gänzlich
ausschließen.
Was für eine Art von Heim das aber ist, die von der
„Bruderschaft der Quelle des Lichts“ geleitet wird, und an welchen
subversiven Aktionen Marian sich dort tatsächlich beteiligen wird, sei
hier noch nicht verraten....
Dieser surreale Klassiker ist witzig
und anarchisch, huldigt der Freiheit in allen Lebenslagen und klagt die
Bösartigkeit an. Das von der heute in Mexiko lebenden Schriftstellerin
und Malerin Leonora Carrington (*1917 in England) schon in den
sechziger Jahren verfasste Werk ist jetzt neu aufgelegt worden.
Mit der wundervollen Stimme der - inzwischen auch schon 82-jährigen -
Film- und Theaterschauspielerin und Synchronsprecherin Rosemarie
Fendel, die das Werk lebendig liest, gibt es nun auch eine Hörversion –
mit oder ohne Hörrohr!
(Hörbuch Hamburg 2008, gekürzte Lesung, März 2008 & Suhrkamp 1989 / 2008, 217 Seiten
(ke)
Die Niederlande, Frankreich, Kanada, Deutschland und Tschechien sind
die Stationen des Romans. Schon einige Zeit lebt die in Kanada
aufgewachsene Magda mit ihrem Mann Robert in einem kleinen
holländischen Dorf am Meer. Plötzlich verschwindet sie, ohne eine
Erklärung zu hinterlassen. Sie reist, in der Zeit rückwärts gehend, zu
Stationen ihres Lebens, die bis in ihre Kindheit in Tschechien und zum
Zweiten Weltkrieg zurückreichen. Auf der Reise entdeckt sie die vielen
anderen Lebenswege, die sie hätte einschlagen können, und einige von
ihnen probiert sie - zumindest eine Zeitlang - aus.
Erst zwei
Jahre später kehrt Magda zurück. Gegenüber den Menschen ihrer Umwelt,
die wie gebannt ihr Wiederauftauchen beobachten, gibt sie sich so, als
sei nichts geschehen. Aus ihrer jeweiligen Perspektive erzählen Robert,
das befreundete Ehepaar Eric und Nellie mit dem autistischen Sohn
Gabriel und Magda selbst von den Geschehnissen. Doch das Bild ergänzt
sich nie zu einem Ganzen...
Kein neu erschienener, aber dennoch
ein sehr empfehlenswerter Roman – gerade in der Reisezeit. Es gelingt
Margriet de Moor, mit jeder Wendung der Erzählung neue mögliche
Erzählfäden freizulegen und dabei parallele Lebenswege sichtbar zu
machen. Gleichzeitig zeigt sie aber auch die Tragik, die in der
Unfähigkeit der Protagonisten liegt, miteinander zu kommunizieren.
(Hanser 1993, 273 Seiten & Hörbuch Hamburg 2006, gelesen von Marlen Diekhoff)
mb)
Die zentralen Themen dieser kanadischen Erzählsammlung sind Liebe,
Verrat, Abschied und Trauer. Ob es sich nun um den Abschied aus der
Kindheit, den Verlust kindlicher bedingungsloser Vaterliebe handelt
oder um erwachsene Leidenschaft, das Leitmotiv, das alle sieben
Erzählungen miteinander verknüpft, bleibt das Gleiche: Durch die
Enttäuschung der Liebe werden die Protagonisten mit schmerzlichen
Erfahrungen konfrontiert. Dieser Schmerz endet jedoch nie in Bitternis,
im Gegenteil, er befähigt sie zu wachsen.
(Suhrkamp 2008, 204 Seiten)
(mb)
Das Buch erzählt die Geschichte der Flucht zweier 13-Jähriger aus der
damaligen DDR. Anna und Max fühlen sich unverstanden, ohne Freunde,
ohne fürsorgliche Eltern, eingesperrt in einem totalitären Regime. So
träumen sie von der großen Freiheit, dem sonnigen Süden und der ersten
Liebe. Auf ihrer Flucht müssen sie verschiedenen Gefahren trotzen, um
schlussendlich zu sich selbst sowie zum Partner zu finden. Sibylle Berg
schildert dieses Abenteuer aus der Perspektive der Teenager und lässt
uns so – mit einem heimlichen Schmunzeln - an den Sorgen und Problemen
der Heranwachsenden teilhaben.
Eine gelungene Mischung aus Satire, Roadmovie und Märchen.
(Kiepenheuer & Witsch 2006, 168 Seiten)
(js) Ostwest - Ehedrama, witzig und skurril erzählt
Tanja, eine junge Theaterassistentin und Edgar, ein 20 Jahre älterer
Dirigent, begegnen sich, verlieben sich und ziehen schon bald in ein
Reihenhaus. Es folgt eine Zeit der sexuellen und vor allem der
kulinarischen Exzesse, denn der unterbeschäftigte Musiker ist
leidenschaftlicher Koch. Tanja wendet sich immer mehr vom Theater ab,
wird schwanger, und in der 31. Woche kommt das Kind zur Welt – ein
Frühchen, das die ersten Monate seines Lebens im Brutkasten verbringen
muss.
Tanja ist schockiert von dieser „Ausschließlichkeit“, mit
der sie plötzlich als Mutter zu funktionieren hat. Die Ärzte raten zur
Hygiene. Sie entwickelt eine Putzneurose: Ihre ganze Energie verwendet
sie aufs Saubermachen, aufs Waschen, aufs Entfetten, aufs Desinfizieren
usw.
Ganz auf dem Anpassungstrip wird sie Schriftführerin eines
Vereins und versucht sich mit dem Dorfleben abzufinden: "Hier, wo sie
billigen Rotwein saufen und Kadett fahren, wo sie André Rieu nicht von
Giuseppe Verdi unterscheiden können, wo der Bauer nicht frisst, was er
nicht kennt, hier wird jeder Überflieger kleingehackt, jede wahre
Leistung ins Mittelmaß hinabgerissen, jedes Fünfsternemenü mit
literweise Ketchup übergossen.“
Nach und nach gerät alles aus den Fugen, aus der Ehekrise wird die Ehehölle…
Katja Oskamp schildert in ihrem schwungvollen Roman mit viel Ironie,
Witz und Liebe fürs Detail die Neurosen der beiden: Tanja, die in ihrem
Mann nur noch den Dreckproduzenten sehen kann und zur Milbenkillerin
verkommt, und Edgar, der sich nur noch auf das nächste Essen
konzentrieren kann und zusehends fetter und fetter wird… bis zum
surreal anmutendem Finale.
(Ammann, 180 Seiten)
(mb)
„Nach dem Tod ihrer Großmutter Bertha erbt Iris das Haus. Bei der
Ankunft trifft sie auf einen verwilderten, magischen Garten und ein
Haus, welches ihr nach und nach seine Geheimnisse erschließt und
Erinnerungen an die Kindheit weckt. Das Buch ist eine Familiensaga, die
sich über drei Generationen von Frauen erstreckt: die Großmutter, ihre
drei Töchter und deren Nachkommen. Es ist ein Buch über Vergessen und
Erinnern.
Kindheit, Erwachsenwerden, Altern und Sterben stehen in
engem Bezug zu den Jahreszeiten des Gartens. Obwohl Themen wie Altern,
Demenz und Tod angesprochen werden, überwiegt ein leichter, humorvoller
Ton: die Liebe zum Leben ist allgegenwärtig. Ein schönes Buch für den
Sommer, das auch als Hörbuch ausgeliehen werden kann.
(Kiepenheuer & Witsch 2008, 252 Seiten & Goya LiT 2008, gesprochen von Maren Eggert)
(js) In ihrer kurzen Prosa beleuchtet Marlene Streeruwitz die
Reflexionen einer Frau, die soeben ihre beste Freundin begraben hat.
Die Erzählerin stand stets im Schatten der ungleichen und erfolgreichen
Freundin und diente öfters als Alibi für deren zahlreichen
Seitensprünge.
Sie berichtet von dieser unausgeglichenen Beziehung
und davon, wie die Freundin durch das Leben raste, ohne zu merken, wie
es ihr langsam entglitt. „Sie war so damit beschäftigt, das Sterben
ernst zu nehmen, dass sie den Tod übersehen hat.“ In unerbittlicher
Manier thematisiert sie die Krankheit der Freundin: „Sie hat ja nur
noch aus Metastasen bestanden. Voll ausmetastasiert.“ und ihre eigenen
Schuldgefühle – nämlich dass sie zu feige war, bei ihrem Sterben dabei
zu sein. Es geht auch um den Tochter-Vater-Konflikt, um Kriegsväter.
Und dazwischen immer wieder die Frage, wieso am Grab der Freundin
ausgerechnet das Lied „I did it my way“ gespielt wurde…?
Als
Erzählform benützt Streeruwitz – wie auch in Jessica, 30 – den inneren
Monolog. Anders als dort gibt es hier keine kapitellangen Sätze,
sondern sehr kurze, abgehackte, die oft mittendrin aufhören: „Wer diese
Halogenscheinwerfer erlaubt hat, der gehört.“ Indem sie auf Satzzeichen
wie auf Fragezeichen verzichtet, lassen mehrere Sätze verschiedene
Deutungen zu. Und doch, jedes Wort sitzt - keines ist zu viel, keines
zu wenig.
„Der Abend nach dem Begräbnis der besten Freundin“ ist
ein wunderbar kluges Büchlein im kleinen Format, gerade mal 57 Seiten
dick. (Weissbooks 2008)
(js) Sibylle Berg, deutsche Gegenwartsliteratin, Kolumnistin der Zeit
und oftmals als „Fachfrau fürs Zynische“ etikettiert, beschreibt in
ihrem jüngsten Roman „Die Fahrt“ (wieder mal) die recht unglücklichen
Irrwege von Menschen auf der Suche nach dem Glück. Diesmal spielen die
Handlungen auf verschiedenen Kontinenten. Die Protagonisten sind
getrieben von ihrer inneren Unruhe und dem Streben nach einem erfüllten
Leben. Ihre Lebenswege kreuzen sich und gehen wieder auseinander,
gelegentlich wird dieselbe Episode aus der Perspektive verschiedener
Personen erzählt.
In sehr kurzen Kapiteln geht es um die Frage, wo und wie der Mensch
wenn auch nicht glücklich, dann doch zumindest zufrieden werden kann.
Bergs Blick auf die Welt und auf menschliche Schicksale ist wie immer
bissig und pointiert. Bewundernswert mit welcher Schärfe sie die
Abgründe und Tiefen der menschlichen Seele, die das Gefangensein der
Menschen in Rollen und Körpern und die gleichzeitige Hilflosigkeit
beschreibt.
Ein über weite Strecken intensives Buch, stilistisch brillant - nur
eingefleischten BergverschlingerInnen wird einiges bekannt vorkommen.
(Kiepenheuer und Witsch 2007, 346 Seiten)
(js) Anja, Anfang dreißig, hat einen Ferienjob in einem Sommercamp
in Schweden angenommen, um dem tristen Alltag in ihrer Kleinstadt zu
entkommen. Bald stellt sich heraus, dass nicht nur sie sondern auch die
anderen MitarbeiterInnen sich in der Abgeschiedenheit der Natur vor den
Brüchen in ihren Biografien flüchten und hoffen, den Kopf frei zu
kriegen für kommende Entscheidungen in ihren Leben.
Aus der anfangs coolen Atmosphäre in der Gruppe entwickeln sich bald
psychologische Spielereien unter denen Anja - auch aufgrund ihrer
sexuellen Orientierung - besonders zu leiden hat.
Dies klingt nicht besonders spannend und neu, doch die Autorin setzt
der „Gore-Tex – Campwelt“ eine zweite Erzählebene entgegen. Aus dem
Wasser steigt eines Morgens am Strand eine merkwürdige Frau, die Anja
mit „Schmoll“ anredet und in ihr einen 14jährigen Jungen sieht. Sie
bewegnen sich immer öfter und bald entwickelt sich eine mysteriöse
Liebesgeschichte, die nur entstehen und wachsen kann, indem die beiden
sich selber neu erfinden und die Grenzen des Alters und des Geschlechts
neu definieren.
Anja erlebt dies als eine Art Bewusstseinserweiterung, als 30jährige
lesbische Frau stellt sie sich die Frage, wie sie sich wohl als
14jähriger Junge verhalten würde und wächst nach und nach in diese
Rolle.
Antje Strubel spielt in diesem Roman auf beeindruckende Weise mit
Realitäten und Wahrnehmungen und behandelt subtil das Thema des
Feststeckens in unüberwindbar scheinenden Rollen und Strukturen.
(Fischer 2007, 188 Seiten)
(ke) Der Familienroman, der im gesellschaftlichen Raum zwischen
Upper-Class und Bohème angesiedelt ist, gewährt den LeserInnen aus
Frauenperspektive Einblick in die Zeit vom Ende des neunzehnten bis in
die zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Hauptfiguren sind
Anna und ihre Tochter Constanza.
Anna, die aus einer reichen, vornehmen und sehr liberalen
amerikanischen Familie kommt, heiratet als junge Frau einen römischen
Fürsten. Ihre Tochter Constanza wächst in einer kontrastreichen
Umgebung auf: Einerseits ist sie umgeben von der Großfamilie und spielt
frei und wild mit Cousins und Cousinen ebenso wie mit den Kindern der
Angestellten, andererseits verbringt sie lange Stunden im exklusiven
Unterricht bei Privatlehrern. Zu der Zeit als Constanza in die
Adoleszenz kommt, trennt sich Anna von ihrem Mann. Die ansonsten sehr
liberale Anna verzweifelt an seiner Doppelmoral und der seiner Familie.
Mutter, Tochter und die Angestellte Mena verlassen Italien und leben
fortan in England. Dort erleben sie den ersten Weltkrieg, führen
politische Diskussionen und komplizierte Liebesbeziehungen, um nach dem
Ende des Krieges erneut auf Reisen zu gehen – jetzt mit einer dritten
Frauengeneration verkörpert durch Flavia, die Tochter Constanzas.
Gemeinsam und doch jede aus ihrer Perspektive, beobachten die vier
Frauen die Ausbreitung des Faschismus in Europa...
Ein mondäner – nur manchmal etwas breiter - Roman mit vielen ironischen Einwürfen.
Die Erzählerin Sibylle Bedford (1911 – 2006), deren Wahlheimat nach dem
amerikanischen Exil Großbritannien war, schreibt mit einem
kosmopolitischen Hintergrund. Die Mutter kommt aus einer
großbürgerlichen britisch-jüdischen Familie, der Vater aus verarmten
ostpreußischem Adel. An den verschiedenen Schauplätzen ihrer Romane hat
sie selbst gelebt. In den zwanziger Jahren lernte sie in Südfrankreich
andere Exilanten wie Aldous und Maria Huxley und die Manns
kennen.
Der Roman ist Im Cid in gedruckter Fassung wie als Hörbuch erhältlich.
Ebenso der 2006 neu aufgelegte Folgeband „Ein trügerischer Sommer“.
(SchirmerGraf 2005, 379 Seiten).
(ke) Als Witwe mit zwei kleinen Kindern steht die Mutter der
Erzählerin am Ende des 2. Weltkrieges da – so wie viele Frauen ihrer
Generation. Anders als viele Darstellungen der Nachkriegszeit aber
verzichtet Ulrike Edschmid bei ihrer auf den Pathos des
Trümmerfrauen-Diskurses. Sie beschreibt sehr ruhig wie die Mutter
verschiedene Anläufe – mal mit Liebhaber, mal ohne – unternimmt, nicht
in der Trauer stecken zu bleiben sondern ihr Leben neu zu gestalten.
Während die Geschichte sehr privat bleibt, und die konkreten
historischen Ereignisse nur im Hintergrund präsent sind, spüren die
LeserInnen deutlich, auf was für einem komplizierten gesellschaftlichen
Feld sich die Mutter bewegt. Sie erfährt Ausgrenzungen als die mögliche
Nebenbuhlerin, Erwartungen, sich als arme trauernde Witwe zu verhalten
und Projektionen über die großen Freiheiten der alleinstehenden Frau.
Sehr lesenswert!
(Insel 2006, 150 Seiten)
(ke) Welche Freude, ein neues Buch von Juli Zeh ist erschienen (–
wir schwärmten schon zuvor im Cid-Info, Nov. 2004). Dies ist kein Roman
(„Adler und Engel“; „Spieltrieb“) und kein Reisebericht („Die Stille
ist ein Geräusch“), sondern ein Sammelband prall voll mit Beiträgen zu
Gesellschaft, Politik, Recht und Literatur. In ihren Texten,
geschrieben für die Tages- wie Fachpresse, für Wettbewerbe und oft vor
allem für sie selbst, pickt sich die gelernte Juristin (Schwerpunkt
Völkerrecht) mit Vorliebe gängige Klischees heraus: Sei es der
Generationenvertrag, sei es die Kapitalismusdebatte, das „konservative“
Recht oder die Allgegenwärtigkeit von Pornographie. Mit Genuss zieht
sie Selbstverständlichkeiten durch den Kakao oder entblößt sie, nicht
aber ohne eine neue Denkweise in die Debatte zu werfen. So z. B. in
ihrem Beitrag Supranationales Glänzen für den Wettbewerb „Brauchen wir
noch Tabus“ der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Bei aller
Kritik, die sie übt, entzieht sich Juli Zeh nicht ihrem Thema,
und das ist es, was an ihrer Schreibweise so sympathisch ist.
Daneben finden sich eher zarte Beiträge, wie die Hommage an Jasmina,
eine bosnische DJane, oder die „Lehre vom Abhängen“ über moderne
Beziehungsmuster.
Juli Zeh vereint den wachen gesellschaftskritischen Blick mit Humor und
Sprachgewandtheit. Sie selber sagt es so: „Schreiben kann man lernen.
Die notwendige Hinterhältigkeit aber, die ist angeboren.“ – Und die
Leserin möchte hinzufügen: die nötige Zugewandtheit auch!
Und, ja, das macht Spaß zu lesen! Ich werde aufpassen, wann wieder etwas Neues von ihr erscheint.
(Schöffling & Co 2006, 295 Seiten)
Die Tochter eines irakischen Vaters und einer schottischen Mutter erzählt in dem autobiographisch gefärbten „A Sky So Close“ die Kindheit und Jugend eines Mädchens zwischen den Kulturen im ländlichen Irak. “The foreign woman’s daughter“, als die sie von vielen gesehen wird, findet tatsächlich mehr Nähe zu ihrem Vater, der sie in sein Leben und seine Arbeit einbezieht, als zu der Mutter, die nicht im irakischen Alltag ankommen will bzw. kann. Im zweiten Teil des Buches zieht die Familie vom Land nach Bagdad, wo die Tochter vor dem Hintergrund des Iran-Irak-Krieges heranwächst. Im dritten Teil schließlich reist sie mit der krebskranken Mutter nach Großbritannien und findet Kontakt zu ihrer europäischen Seite. Während Khedairis erster Roman 2001 auf Englisch erschien und ins Französische, Italienische und Niederländische übersetzt wurde, ist ihr zweiter Roman „“Al-Ghayeb“ (Der Abwesende) diesen Sommer auf Arabisch herausgekommen, eine schwarze Komödie, die das Schicksal mehrerer Familien in einem Mietshaus in Bagdad schildert: die liberalen 70er, wie auch den Iran-Irak-Krieg. Die Autorin lebt zur Zeit in der jordanischen Hauptstadt Amman. (Pantheon Books 2001, 256 Seiten)
wurde 1966 in Beirut geboren und lebt in London. Sie studierte an der Kent University (England) Jura mit dem Schwerpunkt jüdisches und islamisches Recht. Zur Zeit arbeitet sie an ihrer Promotion an der London School of Economics and Political Science. Sie war für das britische Außenministerium und die Vereinten Nationen tätig als Wahlbeobachterin und -organisatorin in verschiedenen Ländern Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens. Zeina B Ghandour unterrichtet am London College of Legal Studies. „Der Honig“ ist ihr erster Roman. Er erzählt von Ruhiya, der Tochter des Muezzin, die von ihrem erkrankten Vater geschickt wird, einen Vertreter zu suchen, der zum Morgengebet rufen soll. Sie macht sich auf den Weg zur Moschee, besteigt dann aber selbst den Turm , und es entfährt ihr – ein Tabubruch - der Aufruf zum Gebet, der vom Dorf zwar mit Schrecken ob der Konsequenzen empfangen wird, aber auch – zumindest von einigen - wie etwas lange Erwartetes, Heilsames. (dtv 2004, 117 Seiten)
wurde 1974 im indischen Madras als Tochter einer finnischen Mutter und eines ägyptischen Vaters geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Indien, Tschad, Saudi-Arabien, Libyen, Ägypten und Finnland, wo sie seit 1987 lebt. Studium an der Universität Helsinki: Semitische Sprachen, Islamwissenschaft, Philosophie, Slawistik und Politische Geschichte. Aufenthalt in Kroatien. Für ihren ersten Roman, „Der Stand der Sonne“, der die Liebesgeschichte ihrer Eltern und das Leben einer Familie zwischen den Kulturen schildert, wurde sie gleich mit zwei renommierten finnischen Literaturpreisen ausgezeichnet. (dtv 2004, 160 Seiten)
Die palästinensische Autorin Adania Shibli, 1974 geboren, studierte
Publizistik und Filmregie an der Hebrew University Jerusalem. Sie
arbeitete für verschiedene Fernsehsender und Filmproduktionen in
Jerusalem, leitete Videoprojekte für Jugendliche in Ostjerusalem und
Ramallah und schrieb Drehbücher. Gegenwärtig lebt sie in Ramallah und
promoviert an der University of East London mit dem Thema „Terrorismus
und diverse Diskursarten“.
Die palästinensische Nachwuchsautorin veröffentlicht ihre
Kurzgeschichten regelmäßig in den renommierten Literaturzeitschriften
Al-Karmel und Al-Adab. Im Jahr 2000 wurde sie für ihre Kurzgeschichte
„Mathematik, darunter die Liebe und unter ihr die Sprache" von der
Qattan-Stiftung für palästinensische Nachwuchskünstler mit dem ersten
Preis ausgezeichnet. 2001 erhielt sie den ersten Preis für ihre
Erzählung „Fühlungen.“, die in diesem Jahr unter dem Titel „Reflet sur
un mur blanc“ in französischer Übersetzung bei Actes Sud erschien. Über
das Medium der Sinne, taktiler, visueller, auditiver,
bewegungsbezogener und sprachlicher Wahrnehmungen zeigt der Roman das
Heranwachsen eines Mädchen, anfangs um die sieben Jahre bis zu ihrer
Heirat. Was die jüngste Tochter einer großen Familie erlebt, wird nur
aus ihrer Perspektive geschildert, detailgenau und ohne Verstehen. An
den Leserinnen ist es, das Erzählte zu interpretieren.
2004 ist Shiblis zweiter Roman erschienen. (Actes Sud 2004, 101 Seiten)
Empfehlenswerte Anthologien:
Margot Badran und Miriam Cook (Hg.): Rowohlt Lesebuch der “Neuen Frau”. Araberinnen über sich selbst. Reinbek bei Hamburg, Mai 1992.
(Sammlung feministischer Texte arabischer Frauen, entstanden in einer Spanne von 125 Jahren)
Jutta Szostak und Suleman Taufiq:
Der wahre Schleier ist das Schweigen. Arabische Autorinnen melden sich
zu Wort. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt /Main, 1995.
(Porträts der Autorinnen, die neben ihrer schriftstellerischen
Tätigkeit auch ihr politisch-gesellschaftliches Engagement würdigen;
Interviews und literarische Texte)
Inaam Kachachi:
Paroles d'Irakiennes. Le drame irakien écrit par des femmes. Le Serpent à Plumes, Paris, 2003.
(Auszüge aus Romanen und Erzählungen, die die aktuelle Situtation der
Frauen im Irak widerspiegeln; mit einer ausführlichen Einleitung)